Wirtschaftsweisin Professorin Dr. Veronika Grimm zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft

Wirtschaftsweisin Professorin Dr. Veronika Grimm zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft

Die Corona-Krise stellt die globale Wirtschaft vor sehr große Herausforderungen. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise sind in ihrem Umfang noch nicht abzusehen. Wir haben mit Frau Prof. Dr. Veronika Grimm, Dekanin des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und seit 2020 Mitglied in Deutschlands wichtigstem wirtschaftspolitischen Beratungsgremium, dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, gesprochen.

Die Corona-Krise ist in aller Munde. Besonders in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung scheint es im Moment einen Überbietungswettbewerb der schlechten Neuigkeiten zu geben. Aus Ihrer Sicht: Wo steht die deutsche Wirtschaft und wohin wird sie sich in den kommenden Monaten entwickeln?

Die Corona-Pandemie stellt uns vor große und bisher nicht gekannte Herausforderungen. Die wirtschaftliche Aktivität in Deutschland ist seit März 2020 stark eingeschränkt. Neben den Wirtschaftsbereichen, die direkt von behördlich verordneten Schließungen betroffen waren oder noch betroffen sind, wird auch in der Industrie deutlich weniger produziert. Die Gründe für den Rückgang der Aktivität sind vielfältig. Nicht nur behördlich angeordnete Schließungen, sondern auch unterbrochene Lieferketten, ausbleibende Nachfrage oder die eingeschränkte Verfügbarkeit von Arbeitnehmern haben dazu geführt, dass die Produktion mancherorts vorübergehend eingestellt wurde. Entgegen den ursprünglichen Erwartungen wird sich die Erholung der Wirtschaft etwas länger hinziehen.

Vor diesem Hintergrund wurden die Konjunkturprognosen in den vergangenen Wochen schrittweise deutlich nach unten korrigiert. Die aktuellen Prognosen für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts sagen für Deutschland einen historischen Einbruch der Wirtschaftsleistung voraus und gehen von einer Reduktion von 6,3 Prozent (Prognose der Bundesregierung, 29. April 2020) bis sieben Prozent (Internationaler Währungsfonds IWF, 14. April 2020) gegenüber 2019 aus. Jüngste Umfragen deuten insbesondere auf einen historischen Einbruch im ersten Halbjahr hin.

Ob diese Prognosen für das Jahr 2020 haltbar sind, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die nur zum Teil auf nationaler Ebene beeinflusst werden können. Neben der Effektivität der Anfang April unmittelbar beschlossenen Hilfspakete wird vieles davon abhängen, ob es in den kommenden ein bis zwei Jahren gelingt, Gesundheitsschutz mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten zu vereinbaren und verlässliche Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Tätigkeit im Sinne einer „neuen Normalität“ zu etablieren.

Die Politik hat es bereits festgestellt. Nach der Phase der Liquiditätshilfen wird es weitere konjunkturstärkende Maßnahmen geben, um die Wirtschaft zu beleben. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht wirksam und worauf sollte man eher verzichten?

Wir haben uns seitens des Sachverständigenrats vergangene Woche zu möglichen Maßnahmen geäußert, die die konjunkturelle Entwicklung unterstützen. Sie sollten zielgenau dort Unterstützung leisten, wo es nötig ist, zugleich aber an den richtigen Stellen Impulse setzen, um gestärkt aus der Krise zu kommen. Der Sachverständigenrat sieht vor allem drei Maßnahmen, die zielgenau wirken, die wirtschaftliche Erholung unterstützen und den aktuellen Strukturwandel begleiten: Die Ausweitung der Möglichkeiten zum steuerlichen Verlustrücktrag und -vortrag, eine Energiepreisreform, sowie die Förderung privater und öffentlicher Investitionen. Eine zügige und umfangreiche Energiepreisreform würde eine spürbare Entlastung von Haushalten und Unternehmen bei gleichzeitiger Behebung ökologisch fragwürdiger Verzerrungen der Energiepreise ermöglichen. Das setzt auch Impulse in Richtung Sektorenkopplung und somit zum Einsatz von zunehmend regenerativ erzeugtem Strom zur Defossilisierung der Sektoren Wärme und Verkehr sowie der Industrie. Eine dritte Säule sind Investitionen in den Bereichen Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung. Hier sollten zusätzliche Mittel des Bundes für gezielte Investitionen der Kommunen in den genannten Bereichen bereitgestellt werden.

Sie haben auch gefragt, auf was verzichtet werden sollte. Man muss aktuell sehen, dass viele Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft stark durch die Corona-Pandemie betroffen sind. Dazu zählen die Tourismusbranche, das Gastgewerbe, Kulturschaffende, die Automobilindustrie, um nur einige zu nennen. Würden wir alle geäußerten Wünsche erfüllen, ließe sich das finanzpolitisch kaum einfangen. Wir sollten daher von branchenspezifischen Maßnahmen absehen. Dazu zählt auch eine Kaufprämie für Fahrzeuge, die tendenziell bestehende Strukturen verfestigt, ohne eine durchschlagende konjunkturelle Wirkung zu erzielen.

Prof. Dr. Veronika Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg © Giulia Iannicelli

Die Stadt Nürnberg hat in den letzten Jahren wirtschaftlich stark aufgeholt, nicht zuletzt wegen starker Zugewinne in Branchen wie der Automobilzulieferindustrie, von Messe und Tourismus, die nun gerade besonders stark betroffen sind. Wie würden sie die wirtschaftliche Situation Nürnberg in der Corona-Krise bewerten? Müssen wir uns auf schlimmere Einbrüche als an anderen Standorten einstellen?

Nürnberg ist stark aufgestellt. In den vergangenen Jahren haben sich starke Netzwerke gebildet, die Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammenbringen, um Zukunftsthemen zu identifizieren und gemeinsam anzugehen. Es gibt ein großes Potential zum Beispiel in den Bereichen Digitalisierung, Clean Tech, Smart City, und Medizintechnik. Durch die enge Verbindung zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen ist auch für die Fachkräfte gesorgt. Aus der persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Hier geht alles Hand in Hand, es gibt viele kreative Köpfe, Ideenreichtum und die Bereitschaft, neue Themen ohne große Vorbehalte anzugehen.

Wir werden einen Teil der Entwicklungen in Nürnberg selbst in der Hand haben, anderes nicht. Im verarbeitenden Gewerbe sind die Lieferketten etwa international extrem verflochten. Die Daten legen nahe, dass hier vieles auch von der Entwicklung in anderen Regionen in Europa und weltweit abhängt. Der Dienstleistungssektor weist eher Verflechtungen auf nationaler Ebene auf, das ist vielleicht leichter zu adressieren. Im Bereich der Digitalen Geschäftsmodelle tun sich vermutlich sogar eher Chancen auf.

Neben der Effektivität der Anfang April unmittelbar von Bund und Ländern beschlossenen Hilfspakete und komplementären Maßnahmen der Stadt Nürnberg wird vieles davon abhängen, ob es in den kommenden ein bis zwei Jahren gelingt, Gesundheitsschutz mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten zu vereinbaren und verlässliche Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Tätigkeit im Sinne einer „neuen Normalität“ zu etablieren. Wie schlimm es wird, das hängt auch davon ab, wie gut es gelingt, alle mitzunehmen. Man wird Insolvenzen und Arbeitslosigkeit nicht komplett verhindern können, aber die Maßnahmen der Stadt Nürnberg zielen darauf ab, den Menschen und Unternehmen neue Chancen zu eröffnen. Das finde ich gut! Auch ist die Einrichtung einer Corona Task-Force, die viele Blickwinkel abdeckt, eine sehr gute Sache.

Sehen Sie in der Krise auch Chancen für die Wirtschaftsregion Nürnberg? Und wenn ja, wie können diese genutzt werden, um mittelfristig gestärkt aus der Krise hervorzugehen?

Ja, natürlich gibt es Chancen. Im Rahmen von Konjunkturprogrammen wird es möglich sein, in den Bereichen Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung vielleicht sogar schneller voranzukommen, als das ohne die Krise der Fall gewesen wäre. Nürnberg ist in diesen Handlungsfeldern gut aufgestellt. Und im Bereich der Digitalisierung wurden ja aktuell ohnehin viele Vorbehalte abgebaut, da kann man gleich ansetzen.

Es gibt aber auch Herausforderungen: Vieles wird davon abhängen, ob es gelingt, funktionsfähige Konzepte für den Gesundheitsschutz zu etablieren und berechenbare Rahmenbedingungen für eine „neue Normalität“ zu schaffen. Diese müssen einerseits geeignet sein, die Pandemie in Schach zu halten, und andererseits für die Unternehmen Transparenz und Sicherheit bezüglich der Wiederaufnahme des Betriebs herstellen.

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Titelbild: Prof. Dr. Veronika Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg © Giulia Iannicelli

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